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Wenn die Obsessionen blühen
Zur Zeit der Kirschblüte flüchtet Japan alljährlich in einen Rausch der
Sinne / Von Anne Schneppen

Wie es sich für einen heiligen Berg gehört, ist der Gipfel des Fuji
immer schneebedeckt und weiß. Im Frühjahr aber breitet die Kirschblüte
auch noch an seinem Fuß einen Saum in Weißrosa aus - zu einem kitschig-
schönen Bild. Foto Lutz Voigtländer
dpa.
TOKIO, 27. März. Auf
nichts ist mehr Verlaß in Japan. Nicht auf die Wirtschaft, erst recht nicht
auf die Politik. Und nun nicht einmal mehr auf das Wetter. Selbst die
Kirschblüte durchbricht den Rahmen der Ordnung, widersetzt sich der
Tradition, drängt aus den Wochen, in denen sich Japaner üblicherweise ihrer
Pracht erfreuen. Die Tokioter staunten nicht schlecht, als am 16. März die
ersten Bäume zu blühen begannen. Fünf Tage später standen die Parks von
Shinjuku und Ueno in voller Blüte. Die staatliche Meteorologie-Behörde
reagierte fast ein wenig entrüstet über so viel Eigensinn: Seit 1953 wird
die Ankunft der "Sakura" akribisch dokumentiert, ihr Zug von Kyushu im Süden
nach Hokkaido im Norden wissenschaftlich ausgewertet. Nach den
Durchschnittsstatistiken der vergangenen fünf Jahrzehnte hätte die
Kirschblüte die japanische Hauptstadt an diesem Donnerstag erreichen müssen.
Nie zuvor hatte man solch florale Rebellion erlebt. Die Fernsehsender, die
der vorrückenden Sakura-Front jedes Jahr aufs neue ihre beste Sendezeit
schenken, ihren Weg mit bunten Wimpeln auf Landkarten begleiten, Stunde für
Stunde, Tag für Tag, waren außer sich. Es müsse sich wohl um einen besonders
frühen Frühling handeln, folgerte der Chefmeteorologe des
öffentlich-rechtlichen Fernsehens messerscharf und offenbarte sogleich noch
andere beunruhigende Beobachtungen: Am 13. März - zwanzig Tage eher als
gewöhnlich - hatte in Takayama, in der Provinz Gifu, eine Feldlerche zu
singen begonnen. Am selben Tag war in Kobe ein Kohlfalter gesichtet worden -
26 Tage vor der Zeit.
Die Kirschblüte ist ein japanisches Klischee, an dem sich schwer rütteln
läßt. Selbst wenn man mit Blumen und Blüten nichts im Sinne hat - in Japan
wird man nicht umhinkönnen, sich dafür zumindest interessiert zu zeigen. Man
weiß, daß der Frühling da ist, wenn jeder Smalltalk mit der Kirschblüte
beginnt. Dann lockern sich selbst bei schwierigen Geschäftsgesprächen die
harten Gesichtszüge der Verhandlungspartner. Ein verklärtes Lächeln, ein
Seufzen: Oh, Sakura! Sind die Blüten erst zu zehn oder zu zwanzig Prozent
geöffnet? Stehen sie gar schon in voller Pracht? Wo ist die beste Aussicht,
der schönste Blütenblick? Ist die Kirsche aus der Nähe oder aus der Ferne,
seitlich oder von unten zu betrachten?
Die Kirschblüte ist eine nationale Obsession. Ein gezähmtes Schauspiel der
Natur, von Menschenhand gepflanzt, geordnet und gehütet in Parks und
Friedhöfen. Ihr Dasein verdankt sie nicht selten historischen Ereignissen
und patriotischen Anlässen, sie blüht in Erinnerung an Naturkatastrophen und
militärische Siege. Auch die Olympischen Spiele 1964 bescherten der
Hauptstadt reichen Blütensegen. Und wenn der Ministerpräsident, wie es Sitte
ist, einmal im Jahr zur großen Gartenparty in den Shinjuku-Park lädt, dann
wählt er dafür die Zeit der Sakura.
Die mit Symbolik schwer befrachtete Kirschblüte markiert nicht nur den
Wechsel der Jahreszeiten, mit ihrer Ankunft beginnt auch in vielerlei
Hinsicht ein neuer Lebenszyklus. Das Schuljahr beginnt, das Steuerjahr
endet. Wer seine Stelle wechseln will oder seine Wohnung, tut es jetzt. Die
Berufsanfänger in den großen Firmen richten ihren Einstieg nach der Sakura -
und werden gleich von ihr in die Pflicht genommen. Nach bester deutscher
Unsitte werden die Neulinge vorgeschickt, einen Platz unter den schönsten
Wipfeln zu besetzen, für die traditionelle Kirschblütenparty des Betriebes.
Die ganz Beflissenen lauschen abends der Wettervorhersage, um bei günstigen
Prognosen sofort loszuziehen. Mit ihren Decken harren sie dann eine Nacht
auf dem harten Boden des Parks aus, als Vorhut für die Vorgesetzten, die,
mit Reiswein und Häppchen beladen, am nächsten Tag die gesellige
Hanami-Runde eröffnen. Hanami bedeutet eigentlich Blumenschau, doch gemeint
ist immer nur die eine: Sakura.
Im Ausland ist die Kirschblüte ein Symbol für Japan wie der Fuji und die
Geisha. Die Japaner wissen es besser - und arbeiten am Mythos. Was könnte
die Vergänglichkeit des Irdischen auch besser treffen als die flüchtige
Lebensspanne der zarten weißrosa Blumen, die Melancholie und Sentimentalität
geradezu herauszufordern scheinen? So sehnlich erwartet, so warm begrüßt und
so schnell verabschiedet, zerstört durch einen einzigen heftigen Regenguß.
Je härter der Winter, desto schöner die Kirschblüte, heißt es in Japan. Und
im übertragenen Sinn gilt das nicht nur für die Natur. Erst die Schwere,
dann die Leichtigkeit, das lernt man schon im Kindergarten. Die Kirschblüte
sei für Japan, was die Rose für die Völker des Westens bedeute, schrieb der
britische Japan-Kenner Basil Hall Chamberlain vor bald hundert Jahren. Die
Rose hat seither viele Rivalen bekommen, die japanische Kirsche aber ist
immer noch ohne Konkurrenz. Zwei Drittel aller Japaner, förderte unlängst
eine Befragung zutage, bezeichnen sie als ihre Lieblingsblume. Der Glaube an
ihre Einzigartigkeit ist tief: Manche können es kaum hinnehmen, daß man sie
auch anderswo kennt.
Die Kirschblüte verfolgt jeden in Japan auch außerhalb ihrer nur wenige
Wochen kurzen Saison. Sie ziert die Rückseite der silbernen 100-Yen- Münzen,
sogar ein Zug ist nach ihr benannt. Sie schwimmt im Tee und wird um Kuchen
gewickelt. Dichter haben sie schon vor tausend Jahren besungen, ihre
Schlichtheit und Reinheit als japanische Kardinaltugenden gepriesen, ihre
Vergänglichkeit zum Inbegriff japanischer Ästhetik erklärt. Mehr
Patriotismus als Pflanzenkunde reizte den Dichter Norinaga Motoori zu seinen
berühmten Zeilen: "Wenn jemand dich nach dem Geist des wahren Japaners
fragen sollte, so deute auf die wilde Kirschblüte hin, die in der Sonne
glänzt." Auch der "Geist des mutigen Soldaten" fand seine Entsprechung in
der Kirschblüte, die vom Baum fällt, wenn sie am schönsten ist. Die
kriegerischen Samurai schätzten sie. Nicht von ungefähr nannten sich
Kamikaze-Flieger, jene jungen Todespiloten des Zweiten Weltkriegs, nach
ihrer Einheit "Kirschblütenpiloten". Und wie Kirschblüten fielen sie mit
ihrer Bombenfracht in den Tod.
Doch mit solcher Historie belasten sich die meisten heutigen
Kirschblütenverehrer nicht. Das nationale Ritual des Blütenbewunderns dient
vor allem als Alibi für einen feucht-beschwingten Ausflug ins großstädtische
Grüne. Dank Hanami verwandeln sich die schönsten Parks Ende März für einige
Tage in riesige Freiluft-Kneipen. Wer es nicht wagt, in der disziplinierten
Enge seines Großraumbüros Gefühle zu zeigen, der tut es jetzt und hier -
unter dem Einfluß von reichlich Alkohol. Wenig verbindet die heutigen
Blumenfreunde mit den gesitteten Aristokraten der Heian-Zeit, die vor
tausend Jahren unter weißen Blütenwolken an Poesie gedacht haben mögen. Die
heutige Kirschblüte ist Volksgut, ihr Anblick animiert nicht zum Dichten,
sondern höchstens zu grölendem Karaoke-Gesang. Noch Tage danach scheint die
Luft geschwängert von Sake- und Bierduft - ganz zu schweigen von den
Ausdünstungen jener Zuschauer, die es offenbar nicht mehr rechtzeitig in die
wenigen Toilettenhäuschen schafften. Eine rechte Hanami-Party verlangt nach
einem großen Bekanntenkreis, der sich mitunter auch erst während des Feierns
findet. Des weiteren braucht es Plastikplanen, die vor der noch klammen
Kälte des Bodens schützen und von den Nachbarn abgrenzen. Als würden sich
die abgesteckten Quadrate unter den Bäumen in private Wohnzimmer verwandeln,
werden vor den Planen nach japanischer Sitte die Schuhe abgestreift.
Getrunken, gesungen und gegessen wird bis spät in die Nacht oder gar bis zum
nächsten Morgen. Die Medien, die alles erheben, auch die Zahl der
Hanami-Touristen, führen Statistiken über die Alkoholversehrten, die nach
jeder Saison ins Krankenhaus müssen. Im Park zurück bleiben Berge von
Plastikbechern und Papptellern. Die Natur hat längst die Flucht ergriffen.
Die verwöhnende Dienstleistungsgesellschaft zieht ihre Fäden zur Sakura bis
in die öffentlichen Grünzonen. Das Fast Food kommt bis unter den Baum. Wer
kein eigenes Mobiltelefon dabeihat, wandelt in einem kurzen Spaziergang zu
den weit sichtbaren uniformierten Dienstboten eines Pizza- Service, einer
chinesischen Schnellküche oder eines japanischen Soba- Nudelrestaurants.
Professionell ist Tokios Yoyogi-Park schon in farbige Lieferzonen
eingeteilt: "Neun große Pizzen Thunfisch-Mayonnaise für Honda-san im blauen
Sektor." Kein Problem.
Das Geschäft mit der Kirschblüte blüht. Sake-Brauereien und Reisebüros
kurbeln mit den Frühlingsboten den Absatz an. Für unkalkulierbare Risiken
der Natur hat die Tokio Marine and Fire Co. in diesem Jahr sogar eine
Versicherung angeboten. Ihr Name: "Sakura Zen-Sen", nach der
Kirschblüten-Front, die jedes Jahr über mehrere Wochen von Süden nach Norden
über den japanischen Archipel zieht. Gezahlt wird bei starkem Regen oder
verspäteter Blüte, dann also, wenn die Sakura-Branche mit Ausfällen zu
rechnen hat. An eine Absicherung gegen eine Frühblüte hatte freilich niemand
gedacht. Das launische Wetter schlug allen ein Schnippchen. Im nächsten Jahr
soll auch gegen diese Unzuverlässigkeit der Natur eine Versicherung
angeboten werden - bis vielleicht die pfiffigen Gentechniker Japans einen
Kirschbaum kreieren, dessen Knospen immer zur gleichen Zeit Ende März zu
sprießen beginnen.
Frankfurter Allgemeine Zeitung,
28.03.2002, Nr.
74 / Seite 13
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