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28.03.2002

 
Wenn die Obsessionen blühen

Zur Zeit der Kirschblüte flüchtet Japan alljährlich in einen Rausch der Sinne / Von Anne Schneppen


Wie es sich für einen heiligen Berg gehört, ist der Gipfel des Fuji immer schneebedeckt und weiß. Im Frühjahr aber breitet die Kirschblüte auch noch an seinem Fuß einen Saum in Weißrosa aus - zu einem kitschig- schönen Bild. Foto Lutz Voigtländer dpa.

TOKIO, 27. März. Auf nichts ist mehr Verlaß in Japan. Nicht auf die Wirtschaft, erst recht nicht auf die Politik. Und nun nicht einmal mehr auf das Wetter. Selbst die Kirschblüte durchbricht den Rahmen der Ordnung, widersetzt sich der Tradition, drängt aus den Wochen, in denen sich Japaner üblicherweise ihrer Pracht erfreuen. Die Tokioter staunten nicht schlecht, als am 16. März die ersten Bäume zu blühen begannen. Fünf Tage später standen die Parks von Shinjuku und Ueno in voller Blüte. Die staatliche Meteorologie-Behörde reagierte fast ein wenig entrüstet über so viel Eigensinn: Seit 1953 wird die Ankunft der "Sakura" akribisch dokumentiert, ihr Zug von Kyushu im Süden nach Hokkaido im Norden wissenschaftlich ausgewertet. Nach den Durchschnittsstatistiken der vergangenen fünf Jahrzehnte hätte die Kirschblüte die japanische Hauptstadt an diesem Donnerstag erreichen müssen. Nie zuvor hatte man solch florale Rebellion erlebt. Die Fernsehsender, die der vorrückenden Sakura-Front jedes Jahr aufs neue ihre beste Sendezeit schenken, ihren Weg mit bunten Wimpeln auf Landkarten begleiten, Stunde für Stunde, Tag für Tag, waren außer sich. Es müsse sich wohl um einen besonders frühen Frühling handeln, folgerte der Chefmeteorologe des öffentlich-rechtlichen Fernsehens messerscharf und offenbarte sogleich noch andere beunruhigende Beobachtungen: Am 13. März - zwanzig Tage eher als gewöhnlich - hatte in Takayama, in der Provinz Gifu, eine Feldlerche zu singen begonnen. Am selben Tag war in Kobe ein Kohlfalter gesichtet worden - 26 Tage vor der Zeit.

Die Kirschblüte ist ein japanisches Klischee, an dem sich schwer rütteln läßt. Selbst wenn man mit Blumen und Blüten nichts im Sinne hat - in Japan wird man nicht umhinkönnen, sich dafür zumindest interessiert zu zeigen. Man weiß, daß der Frühling da ist, wenn jeder Smalltalk mit der Kirschblüte beginnt. Dann lockern sich selbst bei schwierigen Geschäftsgesprächen die harten Gesichtszüge der Verhandlungspartner. Ein verklärtes Lächeln, ein Seufzen: Oh, Sakura! Sind die Blüten erst zu zehn oder zu zwanzig Prozent geöffnet? Stehen sie gar schon in voller Pracht? Wo ist die beste Aussicht, der schönste Blütenblick? Ist die Kirsche aus der Nähe oder aus der Ferne, seitlich oder von unten zu betrachten?

Die Kirschblüte ist eine nationale Obsession. Ein gezähmtes Schauspiel der Natur, von Menschenhand gepflanzt, geordnet und gehütet in Parks und Friedhöfen. Ihr Dasein verdankt sie nicht selten historischen Ereignissen und patriotischen Anlässen, sie blüht in Erinnerung an Naturkatastrophen und militärische Siege. Auch die Olympischen Spiele 1964 bescherten der Hauptstadt reichen Blütensegen. Und wenn der Ministerpräsident, wie es Sitte ist, einmal im Jahr zur großen Gartenparty in den Shinjuku-Park lädt, dann wählt er dafür die Zeit der Sakura.

Die mit Symbolik schwer befrachtete Kirschblüte markiert nicht nur den Wechsel der Jahreszeiten, mit ihrer Ankunft beginnt auch in vielerlei Hinsicht ein neuer Lebenszyklus. Das Schuljahr beginnt, das Steuerjahr endet. Wer seine Stelle wechseln will oder seine Wohnung, tut es jetzt. Die Berufsanfänger in den großen Firmen richten ihren Einstieg nach der Sakura - und werden gleich von ihr in die Pflicht genommen. Nach bester deutscher Unsitte werden die Neulinge vorgeschickt, einen Platz unter den schönsten Wipfeln zu besetzen, für die traditionelle Kirschblütenparty des Betriebes. Die ganz Beflissenen lauschen abends der Wettervorhersage, um bei günstigen Prognosen sofort loszuziehen. Mit ihren Decken harren sie dann eine Nacht auf dem harten Boden des Parks aus, als Vorhut für die Vorgesetzten, die, mit Reiswein und Häppchen beladen, am nächsten Tag die gesellige Hanami-Runde eröffnen. Hanami bedeutet eigentlich Blumenschau, doch gemeint ist immer nur die eine: Sakura.

Im Ausland ist die Kirschblüte ein Symbol für Japan wie der Fuji und die Geisha. Die Japaner wissen es besser - und arbeiten am Mythos. Was könnte die Vergänglichkeit des Irdischen auch besser treffen als die flüchtige Lebensspanne der zarten weißrosa Blumen, die Melancholie und Sentimentalität geradezu herauszufordern scheinen? So sehnlich erwartet, so warm begrüßt und so schnell verabschiedet, zerstört durch einen einzigen heftigen Regenguß. Je härter der Winter, desto schöner die Kirschblüte, heißt es in Japan. Und im übertragenen Sinn gilt das nicht nur für die Natur. Erst die Schwere, dann die Leichtigkeit, das lernt man schon im Kindergarten. Die Kirschblüte sei für Japan, was die Rose für die Völker des Westens bedeute, schrieb der britische Japan-Kenner Basil Hall Chamberlain vor bald hundert Jahren. Die Rose hat seither viele Rivalen bekommen, die japanische Kirsche aber ist immer noch ohne Konkurrenz. Zwei Drittel aller Japaner, förderte unlängst eine Befragung zutage, bezeichnen sie als ihre Lieblingsblume. Der Glaube an ihre Einzigartigkeit ist tief: Manche können es kaum hinnehmen, daß man sie auch anderswo kennt.

Die Kirschblüte verfolgt jeden in Japan auch außerhalb ihrer nur wenige Wochen kurzen Saison. Sie ziert die Rückseite der silbernen 100-Yen- Münzen, sogar ein Zug ist nach ihr benannt. Sie schwimmt im Tee und wird um Kuchen gewickelt. Dichter haben sie schon vor tausend Jahren besungen, ihre Schlichtheit und Reinheit als japanische Kardinaltugenden gepriesen, ihre Vergänglichkeit zum Inbegriff japanischer Ästhetik erklärt. Mehr Patriotismus als Pflanzenkunde reizte den Dichter Norinaga Motoori zu seinen berühmten Zeilen: "Wenn jemand dich nach dem Geist des wahren Japaners fragen sollte, so deute auf die wilde Kirschblüte hin, die in der Sonne glänzt." Auch der "Geist des mutigen Soldaten" fand seine Entsprechung in der Kirschblüte, die vom Baum fällt, wenn sie am schönsten ist. Die kriegerischen Samurai schätzten sie. Nicht von ungefähr nannten sich Kamikaze-Flieger, jene jungen Todespiloten des Zweiten Weltkriegs, nach ihrer Einheit "Kirschblütenpiloten". Und wie Kirschblüten fielen sie mit ihrer Bombenfracht in den Tod.

Doch mit solcher Historie belasten sich die meisten heutigen Kirschblütenverehrer nicht. Das nationale Ritual des Blütenbewunderns dient vor allem als Alibi für einen feucht-beschwingten Ausflug ins großstädtische Grüne. Dank Hanami verwandeln sich die schönsten Parks Ende März für einige Tage in riesige Freiluft-Kneipen. Wer es nicht wagt, in der disziplinierten Enge seines Großraumbüros Gefühle zu zeigen, der tut es jetzt und hier - unter dem Einfluß von reichlich Alkohol. Wenig verbindet die heutigen Blumenfreunde mit den gesitteten Aristokraten der Heian-Zeit, die vor tausend Jahren unter weißen Blütenwolken an Poesie gedacht haben mögen. Die heutige Kirschblüte ist Volksgut, ihr Anblick animiert nicht zum Dichten, sondern höchstens zu grölendem Karaoke-Gesang. Noch Tage danach scheint die Luft geschwängert von Sake- und Bierduft - ganz zu schweigen von den Ausdünstungen jener Zuschauer, die es offenbar nicht mehr rechtzeitig in die wenigen Toilettenhäuschen schafften. Eine rechte Hanami-Party verlangt nach einem großen Bekanntenkreis, der sich mitunter auch erst während des Feierns findet. Des weiteren braucht es Plastikplanen, die vor der noch klammen Kälte des Bodens schützen und von den Nachbarn abgrenzen. Als würden sich die abgesteckten Quadrate unter den Bäumen in private Wohnzimmer verwandeln, werden vor den Planen nach japanischer Sitte die Schuhe abgestreift. Getrunken, gesungen und gegessen wird bis spät in die Nacht oder gar bis zum nächsten Morgen. Die Medien, die alles erheben, auch die Zahl der Hanami-Touristen, führen Statistiken über die Alkoholversehrten, die nach jeder Saison ins Krankenhaus müssen. Im Park zurück bleiben Berge von Plastikbechern und Papptellern. Die Natur hat längst die Flucht ergriffen.

Die verwöhnende Dienstleistungsgesellschaft zieht ihre Fäden zur Sakura bis in die öffentlichen Grünzonen. Das Fast Food kommt bis unter den Baum. Wer kein eigenes Mobiltelefon dabeihat, wandelt in einem kurzen Spaziergang zu den weit sichtbaren uniformierten Dienstboten eines Pizza- Service, einer chinesischen Schnellküche oder eines japanischen Soba- Nudelrestaurants. Professionell ist Tokios Yoyogi-Park schon in farbige Lieferzonen eingeteilt: "Neun große Pizzen Thunfisch-Mayonnaise für Honda-san im blauen Sektor." Kein Problem.

Das Geschäft mit der Kirschblüte blüht. Sake-Brauereien und Reisebüros kurbeln mit den Frühlingsboten den Absatz an. Für unkalkulierbare Risiken der Natur hat die Tokio Marine and Fire Co. in diesem Jahr sogar eine Versicherung angeboten. Ihr Name: "Sakura Zen-Sen", nach der Kirschblüten-Front, die jedes Jahr über mehrere Wochen von Süden nach Norden über den japanischen Archipel zieht. Gezahlt wird bei starkem Regen oder verspäteter Blüte, dann also, wenn die Sakura-Branche mit Ausfällen zu rechnen hat. An eine Absicherung gegen eine Frühblüte hatte freilich niemand gedacht. Das launische Wetter schlug allen ein Schnippchen. Im nächsten Jahr soll auch gegen diese Unzuverlässigkeit der Natur eine Versicherung angeboten werden - bis vielleicht die pfiffigen Gentechniker Japans einen Kirschbaum kreieren, dessen Knospen immer zur gleichen Zeit Ende März zu sprießen beginnen.

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.03.2002, Nr. 74 / Seite 13

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