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Japan Presse |
19.04.2002 |
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Rank und krank Eßstörungen breiten sich unter japanischen Jugendlichen rasch aus - auch wegen westlicher Modetrends / Von Anne Schneppen
TOKIO, 17. April. Der
Schlankheitswahn macht auch vor zierlichen Japanerinnen nicht halt. Unter
jungen Mädchen ist das Kalorienzählen Pflicht, Diätprodukte und
Abführmittel finden reißenden Absatz. Doch der Kult um die Figur macht
viele nicht schön und schlank, sondern krank. Eine neue, vom japanischen
Gesundheitsministerium finanzierte wissenschaftliche Studie kommt zu dem
Ergebnis, daß in Tokio jede zwanzigste Oberschülerin im Alter von vierzehn
und fünfzehn Jahren an der Eßstörung Anorexia nervosa leidet, jede vierte
Siebzehnjährige hat ein "ungesundes Körpergewicht". "Eßstörungen werden in
Japan immer häufiger", warnt Gen Komaki, Arzt am Nationalen Zentrum für
Neurologie und Psychiatrie. Anorexie (Magersucht) wird heute mehr als
viermal so oft diagnostiziert wie noch vor fünf Jahren, das Ausmaß der "Freß-Brech-Krankheit"
Bulimie hat sich zwischen 1993 und 1998 fast verfünffacht. Noch ist die
Zahl der Fälle geringer als in Amerika oder Europa. Ärzte schätzen, daß
ein Prozent der heranwachsenden Frauen betroffen ist, im Vergleich zu etwa
3,5 Prozent in den Vereinigten Staaten. "Aber wir holen rasch auf", sagt
Komaki.
Die ersten Fälle gab es in Japan schon in den sechziger Jahren, als sich mit dem britischen Model Twiggy auch im Fernen Osten ein mageres Schönheitsideal etablierte. Als attraktiv galt plötzlich eine Figur, die von der Natur wenigen gegeben ist: lange Beine, kleiner Po, schmale Hüften, Wespentaille. Die Schönheitsmagazine errechneten, daß der "ideale Kopf" exakt ein Achtel der Körperlänge betragen dürfe. Je mehr in Medien, Werbung und Magazinen dieses ursprünglich westliche Ideal propagiert werde, so Komaki, desto mehr wachse die Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen. Das Angebot der Diätindustrie sei allzu verführerisch, die jungen Mädchen seien leicht zu beeinflussen. Der Teufelskreis aus Essen und Abnehmen beginnt. Komaki gibt den westlichen Modetrends die Schuld: "Die Sängerinnen und Schauspielerinnen im Fernsehen und in der Werbung sind dünn, und die Mädchen eifern ihnen nach, gleich welches Ausgangsgewicht sie selbst haben mögen." Die figurbetonende Mode der letzten Jahre, mit bleistiftschmalen Röcken und Hüfthosen, hat das Problem der auf Stil und Aussehen fixierten Japanerinnen noch verschärft. Der Markt unterstützt den Trend: Kaum ein Nahrungsmittel, das nicht die Kilojoule auf der Verpackung auszeichnet, Tropfen und Kekse zum Abnehmen mit englischen Namen - Balance up, Eat System und Calorie Mate - füllen Regale im Supermarkt. Restaurants führen die Anzahl der Kalorien auf der Speisekarte. Diätmagazine machen sich gegenseitig Konkurrenz, Fitneßstudios haben enormen Zulauf. Aber Fett läßt sich auch wegsaugen oder fortzaubern: Die beiden führenden Kosmetikhersteller wollen demnächst mit Fruchtextrakten runde Gesichter schmaler machen. Über die Ursachen der krankhaften Störungen, die sich immer öfter auch in anderen Ländern Asiens manifestieren, sind sich die japanischen Fachleute nicht schlüssig. Sind sie Folgen der Globalisierung in Musik, Film und Mode? Oder des wachsenden Wohlstands? Auch in Japans weiterer Nachbarschaft, in Südkorea und Singapur, ist die Magersucht auf dem Vormarsch. Häufig zitierte Faktoren sind Anpassungs- und Leistungsdruck in der Schule und im Freundeskreis sowie eine Erziehung, die Konformität hervorhebt. Was auch immer die Gründe sein mögen, die Folgen sind unübersehbar. Die im Vergleich zu den meisten Amerikanerinnen und Europäerinnen ohnehin zierlichen Japanerinnen legen die Meßlatte ihrer Ansprüche hoch. Knapp die Hälfte aller Frauen liegt mehr als zehn Prozent unter dem medizinisch errechneten Idealgewicht. Diäten machen schon Kinder und sogar Schwangere. Das mitunter lebensbedrohliche Hungern ist allerdings längst nicht so verbreitet wie das exzessive Essen. Ärzte klagen, daß vor allem Männer mittleren Alters viel zuwenig auf ihr Gewicht achten und mehr zunehmen, als gesund ist. "Bei jungen Frauen sinkt der sogenannte BMI (Body Mass Index), bei Männern im Alter von 40 bis 50 Jahren steigt er", sagt Gen Komaki zur Entwicklung der letzten Jahre. 23 Millionen Japaner gelten heute als übergewichtig, das ist jeder fünfte. 20 Prozent der Männer zwischen 20 und 30 Jahren schleppen zuviel auf die Waage - verglichen mit neun Prozent vor 20 Jahren. Bei den Dreißig- bis Vierzigjährigen sind es sogar 30 Prozent. Die Gründe liegen auf der Hand und im Kühlschrank: Statt Fisch, Reis und Miso-Suppe zum Frühstück essen vor allem Singles lieber, was schnell geht, Buttertoast, Marmelade und Eier. Mehr und mehr weicht die gesunde und ausgewogene traditionelle Kost der westlichen Fast-food-Küche. Der Einfluß von Hamburger, Pommes frites, Pizza und Spaghetti hat die Eßgewohnheiten nachhaltig und nicht zum Guten verändert. In den bequemen "Conbini", den modernen Gemischtwarenläden, die Tag und Nacht geöffnet sind, versorgen sich viele jüngere Japaner spät nach der Arbeit mit Zucker, Fett und Konservierungsmitteln: durch Schokoladenriegel, Käsekuchen und Tütensuppen, und dazu Alkohol. Bewegungsmangel zeichnet den Großstadtbewohner aus, ein ernsthaftes Problem schon unter Schulkindern. Krankheiten wie Diabetes und Bluthochdruck, die bis vor kurzem noch als "unjapanisch" galten, treten öfter auf. Für pessimistische Ärzte ist deshalb Fettleibigkeit - und nicht Magersucht - die Volkskrankheit der Zukunft. |
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