Von Wieland Wagner, Tokio
Luxus und Prunk -
im Leben des japanischen Kaiserhauses sucht man danach vergeblich.
Stattdessen regieren in Nippon strenge Traditionen und uralte Riten. Lesen
Sie den zweiten Teil der SPIEGEL-ONLINE-Serie über die Königshäuser der
Welt.
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Prinzessin
Masako und Mann: Gefühle in der Öffentlichkeit | |
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Ihre Majestät war zu Tränen gerührt. Als ihr Ende vergangenen Jahres das
Töchterlein Aiko geboren wurde, sei sie von Dankbarkeit überwältigt worden,
erinnerte sich Japans Kronprinzessin Masako mit zittriger Stimme. Und als
dann der daneben sitzende Kronprinz Naruhito seiner Gemahlin noch liebevoll
auf die Schulter klopfte, schluchzte die Nation vor den heimischen
Fernsehgeräten mit.
So gefühlsoffen hatten die Japaner ihr Prinzenpaar bislang nicht erlebt
- und schon gar nicht auf einer Pressekonferenz. Huldvoll lächeln,
freundlich nicken und sittsam die Wimpern senken - so artig läuft das
Ritual sonst ab. Ausgewählte Hofreporter dürfen den Hohheiten dann
unterwürfige Fragen - die sie zuvor natürlich schriftlich einreichen
müssen - vortragen.
Und ähnlich zeremoniell geht es auch sonst bei Hofe zu - stets nach
Protokoll. Kesse Sprüche? Brisante Enthüllungen? Nicht in Japan! Je
weniger das älteste Kaiserhaus der Welt von sich Reden macht, desto
besser. So denken vor allem die stocksteifen Beamten des Kaiserlichen
Hofamts, die Nippons Aristokraten stets wachsam von den Untertanen
abschotten.
Kaiserlicher Reisbauer
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Kaiser
Akihito und Frau: Am japanischen Hof herrschen strenge
Traditionen | |
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Laut Japans Nachverfassung muss sich Tenno Akihito auf die Rolle als
Symbol der Einheit der Nation beschränken: In seinem schlichten Palast
mitten in Tokio pflegt er mit seiner Familie die Tradition. Akihito,
zugleich Japans ranghöchster Shinto-Priester, betet regelmäßig für Frieden
und gute Ernten. Nach uralten Riten baut er im Palastgarten Reis an.
Von modernen Japanern trennen die Monarchen Welten: Sie besitzen keine
Reisepässe, noch dürfen sie zur Wahl gehen oder sich scheiden lassen. Sie
leisten sich keine Luxusjachten, sie spielen kein Golf, sie feiern keine
wilden Partys. Ihre bescheidenen Hobbys dürfen möglichst nichts mit
aktueller Politik zu tun haben: Der Tenno züchtet Fische, Kronprinz
Naruhito befasst sich mit der Geschichte englischer Wasserstraßen, und
sein jüngerer Bruder, Prinz Akishino, erforscht eine Hühnerart.
Zu den Pflichten der Kaiserfamilie gehört es auch, Kindergärten und
Altenheime zu besuchen, Sportfeste zu eröffnen und Staatsgäste zu
empfangen. Dabei lächeln die Höflinge stets huldvoll und winken dem Volk
vornehm zu - alle mit derselben zeitlupenhaften Handbewegung, die ihnen
irgendjemand beigebracht haben muss. Fast nie fallen sie aus der Rolle -
bis eben zu Masakos geradezu unglaublichen Tränen bei der jüngsten
Pressekonferenz.
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Und
dann kam das Wunder: Prinzessin Masako mit Baby Aiko | |
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Dabei hatte sich die Ex-Bürgerliche seit ihrer Hochzeit 1993 zunächst
perfekt in die eiserne Rollenverteilung bei Hof eingepasst. So lernte die
einstige Karriere-Diplomatin und Harvard-Absolventin, die neben Englisch
auch fließend Deutsch spricht, immer züchtig einen Schritt hinter ihrem
Gemahl zu wandeln. Masako, auch als Prinzessin eine Musterschülerin, tat
genau das Gegenteil von dem, was westliche Medien anlässlich ihrer
Vermählung euphorisch vorhersagten: Die Ex-Bürgerliche, hieß es, werde den
kaiserlichen Chrysanthemenvorhang durch historische Reformen lüften.
Nach der Fehlgeburt kam das Wunder
Aber Masako wusste, dass die Untertanen von ihr letztlich nur eins
erwarteten: Sie sollte ihre Pflicht erfüllen und der Nation einen
männlichen Thronfolger bescheren, um der Kaiserdynastie das Überleben zu
sichern. Nur: Je ungeduldiger die Landsleute drängelten, desto schwerer
tat sich das Kronprinzenpaar, die gespannten Erwartungen zu erfüllen. Nach
acht Jahren und einer Fehlgeburt hatte die Nation die Hoffnung am Ende
schon fast aufgegeben.
Doch dann geschah im vergangenen Dezember das Wunder: Mit Hilfe eines
hochkarätigen Ärzteteams und den Künsten der modernen Medizin erblickte
Prinzessin Aiko das Licht der Welt.
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Japaner
feiern voller Freude die Nachricht von der Geburt der kleinen
Aiko | |
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Die Nation bejubelte die kaiserliche Geburt auffällig weniger stürmisch,
als wenn ihr ein männlicher Thronfolger beschert worden wäre. Und falls
Masako nicht auch einen Sohn gebärt, wird dem Parlament wohl nichts anders
übrig bleiben, als die altmodischen Hofgesetze zu ändern und die weibliche
Thronfolge wieder zuzulassen.
Doch in den Augen der kaisertreuen Japaner hat die tapfere Masako genug
gelitten: Durch ihr jahrelanges, geduldiges Warten hat sich die junge
Mutter ein Recht erworben, das kaiserlichen Prinzessinnen sonst eigentlich
nicht zusteht. Sie darf ihre Tränen öffentlich zeigen.
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