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09.05.2002

 
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JAPAN

Tränen auf dem Chrysanthementhron

Von Wieland Wagner, Tokio

Luxus und Prunk - im Leben des japanischen Kaiserhauses sucht man danach vergeblich. Stattdessen regieren in Nippon strenge Traditionen und uralte Riten. Lesen Sie den zweiten Teil der SPIEGEL-ONLINE-Serie über die Königshäuser der Welt.
Prinzessin Masako und Mann: Gefühle in der Öffentlichkeit
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GroßbildansichtPrinzessin Masako und Mann: Gefühle in der Öffentlichkeit

Ihre Majestät war zu Tränen gerührt. Als ihr Ende vergangenen Jahres das Töchterlein Aiko geboren wurde, sei sie von Dankbarkeit überwältigt worden, erinnerte sich Japans Kronprinzessin Masako mit zittriger Stimme. Und als dann der daneben sitzende Kronprinz Naruhito seiner Gemahlin noch liebevoll auf die Schulter klopfte, schluchzte die Nation vor den heimischen Fernsehgeräten mit.

So gefühlsoffen hatten die Japaner ihr Prinzenpaar bislang nicht erlebt - und schon gar nicht auf einer Pressekonferenz. Huldvoll lächeln, freundlich nicken und sittsam die Wimpern senken - so artig läuft das Ritual sonst ab. Ausgewählte Hofreporter dürfen den Hohheiten dann unterwürfige Fragen - die sie zuvor natürlich schriftlich einreichen müssen - vortragen.

Und ähnlich zeremoniell geht es auch sonst bei Hofe zu - stets nach Protokoll. Kesse Sprüche? Brisante Enthüllungen? Nicht in Japan! Je weniger das älteste Kaiserhaus der Welt von sich Reden macht, desto besser. So denken vor allem die stocksteifen Beamten des Kaiserlichen Hofamts, die Nippons Aristokraten stets wachsam von den Untertanen abschotten.

Kaiserlicher Reisbauer
Kaiser Akihito und Frau: Am japanischen Hof herrschen strenge Traditionen
AFP/DPA
GroßbildansichtKaiser Akihito und Frau: Am japanischen Hof herrschen strenge Traditionen

Laut Japans Nachverfassung muss sich Tenno Akihito auf die Rolle als Symbol der Einheit der Nation beschränken: In seinem schlichten Palast mitten in Tokio pflegt er mit seiner Familie die Tradition. Akihito, zugleich Japans ranghöchster Shinto-Priester, betet regelmäßig für Frieden und gute Ernten. Nach uralten Riten baut er im Palastgarten Reis an.

Von modernen Japanern trennen die Monarchen Welten: Sie besitzen keine Reisepässe, noch dürfen sie zur Wahl gehen oder sich scheiden lassen. Sie leisten sich keine Luxusjachten, sie spielen kein Golf, sie feiern keine wilden Partys. Ihre bescheidenen Hobbys dürfen möglichst nichts mit aktueller Politik zu tun haben: Der Tenno züchtet Fische, Kronprinz Naruhito befasst sich mit der Geschichte englischer Wasserstraßen, und sein jüngerer Bruder, Prinz Akishino, erforscht eine Hühnerart.

Zu den Pflichten der Kaiserfamilie gehört es auch, Kindergärten und Altenheime zu besuchen, Sportfeste zu eröffnen und Staatsgäste zu empfangen. Dabei lächeln die Höflinge stets huldvoll und winken dem Volk vornehm zu - alle mit derselben zeitlupenhaften Handbewegung, die ihnen irgendjemand beigebracht haben muss. Fast nie fallen sie aus der Rolle - bis eben zu Masakos geradezu unglaublichen Tränen bei der jüngsten Pressekonferenz.

Und dann kam das Wunder: Prinzessin Masako mit Baby Aiko
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GroßbildansichtUnd dann kam das Wunder: Prinzessin Masako mit Baby Aiko

Dabei hatte sich die Ex-Bürgerliche seit ihrer Hochzeit 1993 zunächst perfekt in die eiserne Rollenverteilung bei Hof eingepasst. So lernte die einstige Karriere-Diplomatin und Harvard-Absolventin, die neben Englisch auch fließend Deutsch spricht, immer züchtig einen Schritt hinter ihrem Gemahl zu wandeln. Masako, auch als Prinzessin eine Musterschülerin, tat genau das Gegenteil von dem, was westliche Medien anlässlich ihrer Vermählung euphorisch vorhersagten: Die Ex-Bürgerliche, hieß es, werde den kaiserlichen Chrysanthemenvorhang durch historische Reformen lüften.

Nach der Fehlgeburt kam das Wunder

Aber Masako wusste, dass die Untertanen von ihr letztlich nur eins erwarteten: Sie sollte ihre Pflicht erfüllen und der Nation einen männlichen Thronfolger bescheren, um der Kaiserdynastie das Überleben zu sichern. Nur: Je ungeduldiger die Landsleute drängelten, desto schwerer tat sich das Kronprinzenpaar, die gespannten Erwartungen zu erfüllen. Nach acht Jahren und einer Fehlgeburt hatte die Nation die Hoffnung am Ende schon fast aufgegeben.

Doch dann geschah im vergangenen Dezember das Wunder: Mit Hilfe eines hochkarätigen Ärzteteams und den Künsten der modernen Medizin erblickte Prinzessin Aiko das Licht der Welt.

Japaner feiern voller Freude die Nachricht von der Geburt der kleinen Aiko
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GroßbildansichtJapaner feiern voller Freude die Nachricht von der Geburt der kleinen Aiko

Die Nation bejubelte die kaiserliche Geburt auffällig weniger stürmisch, als wenn ihr ein männlicher Thronfolger beschert worden wäre. Und falls Masako nicht auch einen Sohn gebärt, wird dem Parlament wohl nichts anders übrig bleiben, als die altmodischen Hofgesetze zu ändern und die weibliche Thronfolge wieder zuzulassen.

Doch in den Augen der kaisertreuen Japaner hat die tapfere Masako genug gelitten: Durch ihr jahrelanges, geduldiges Warten hat sich die junge Mutter ein Recht erworben, das kaiserlichen Prinzessinnen sonst eigentlich nicht zusteht. Sie darf ihre Tränen öffentlich zeigen.
 

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