Japan Presse
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06.06.2002

 
Individualität von der Haarwurzel aufwärts

Die kühne Farbenlehre der japanischen Fußball-Nationalmannschaft / Von Anne Schneppen

 
TOKIO, 5. Juni. Kazuyuki Toda kommt daher wie eine leuchtende Erdbeere. Fanliebling Hidetoshi Nakata sah bis vor kurzem aus wie der Schinken, der seine Wahlheimat Parma berühmt macht; derzeit favorisiert er ein undefinierbares Orange. Daisuke Ichikawa bevorzugt Zitrone zum fahlen Teint. Junichi Inamoto stellt eine aschgraue Bürste zur Schau, Stürmer Takayuki Suzuki eine silberne. Mittelfeldspieler Shinji Ono, bei Feyenoord Rotterdam unter Vertrag, tanzt aus der Reihe. Kompromißlos hat er sich gegen Haare entschieden.

Wer die japanische Nationalmannschaft am Dienstag beim Spiel gegen Belgien betrachtete, mußte sich wundern. Gewöhnlich kommen japanische Kinder mit einem prächtigen schwarzen Schopf auf die Welt. Doch Nippons Mannen im Stadion von Saitama sahen aus, als hätte man sie allesamt durch einen Regenbogen gezogen. Nicht ein einziger naturbelassener Kopf, nicht ein einziges schwarzes Haar zum grünen Rasen. Bei all der bunten Vielfalt der Haartracht dominiert ein gleichförmiger Team-Schnitt: Japans Spieler tragen militärisch kurz, modisch stoppelig. Ihr Trainer und Feldwebel Philippe Troussier, ein weich gewellter, brünetter Franzose, wirkt dagegen wie ein zu heiß gefönter Paradiesvogel.

Nicht wegen seiner sportlichen Fähigkeiten, sondern wegen seines jüngsten Farbwechsels von Gelb zu Rot schaffte es Mittelfeldspieler Toda kurz vor Beginn der Weltmeisterschaft auf die Titelseiten der Sportpresse. Eigentlich hätte ihn dies kränken können, doch der 24 Jahre alte Toda freute sich über das Interesse an seiner Eitelkeit: "Ich will einfach Spaß haben!" Insgeheim verdächtigt man ihn allerdings, dem Teamkollegen Nakata nachzueifern. Der erfolgreichste japanische Fußballspieler aller Zeiten hatte seine Haare für seine erste Weltmeisterschaft in Frankreich 1998 knallig rot gefärbt - und Talentsucher auf sich aufmerksam gemacht. Inzwischen hat er, wenn nicht die Welt, dann doch Italien kennengelernt, spielte erst für Perugia, dann für Rom, jetzt für Parma. Dort klagen zwar gehässige Fans, der teure Mann sei den Preis seines Shirts nicht wert, Nakata aber ist glücklich und in seiner Heimat ein geliebter Mann.

Die Männer der Nationalelf sind keine Ausnahme in ihrem Land. Sie führen eine Jugendbewegung an, die alles Naturbelassene langweilt, die mit sich experimentiert, auch wenn es den Geschmack ihrer Eltern verletzt. Vor wenigen Jahren noch machte die Haarfärbeindustrie um Japan einen großen Bogen, weil außer Natur, also Schwarz, nichts zu verkaufen war. Die ersten grauen Haare konnte man ebenso gut zu Hause abdecken. Inzwischen ist die künstliche Vielfalt auf japanischen Köpfen mindestens so groß wie in der westlichen Welt - nur wechselt sie deutlich schneller. Den modischen Vorreiter gab Mitte der neunziger Jahre die Pop-Diva Namie Amuro, die ihre langen Haare plötzlich hellbraun bleichte. Was zunächst auf die Welt der Berühmten und Schönen beschränkt war, erfaßte nach und nach die Jungen und die Alten, die Schüler und Hausfrauen und schließlich auch die Männer. Vor vier Jahren, bei den Olympischen Winterspielen in Nagano, tat sich der Skispringer Funaki nicht nur wegen seiner weiten Sätze hervor, sondern auch weil er seine Haare färbte und seine Augenbrauen zupfte. Das machte ihn zum Rebellen, zum Vertreter einer jungen Generation, die Japan auf den Kopf zu stellen drohte. Viele Nuancen hat die Mode seither kommen und gehen sehen: Auf Braun folgte Rot, auf Blond Grau und schließlich Strähnchen. Derzeit herrscht, wie die Nationalmannschaft beweist, im uniformen Japan eine Anarchie der Mehrheit, die an der Haarwurzel beginnt: Nach einer Umfrage der Färbemittelhersteller verändern 80 Prozent der Japanerinnen zwischen zwanzig und dreißig Jahren ihre Haare - je nach Laune und Kleidung. Das kann gefährlich sein. Im vergangenen Jahr wurde eine Oberschülerin für neunzig Tage vom Unterricht ausgeschlossen, weil sie die Haare färbte. Die Lehrer fürchteten den "schlechten Einfluß" auf die Klassenkameraden. Weil die Rebellin der Aufforderung, sich in den Naturzustand zurückzuversetzen, nicht nachkam, mußte sie gehen. Immerhin schaffte es der Fall in die Abendnachrichten.

Daß man es mit einem Interesse für Haare aber auch weit bringen kann, zeigt das Beispiel Koizumi. Als der heutige Ministerpräsident vor gut einem Jahr zur Wahl stand, kommentierte eine englischsprachige Zeitung: "Der Kampf um die Führung Japans geht nicht nur um die Alternative Steuer- oder Haushaltskürzungen, sondern um Dauerwelle oder Haarcreme." Für die Medien trat der lang gelockte "Beethoven" Junichiro Koizumi gegen "Mister Pomado" Ryutaro Hashimoto an - das moderne Jahr 2001 gegen den Mief von 1955. Der Friseur des Siegers, der seit zwei Jahrzehnten dessen Locken in Form bringt, ist darüber berühmt geworden. So etwas kennt man auch in Deutschland. Allerdings mußte Koizumi wegen seiner Haare kein Gericht bemühen. In Japan braucht es nicht Mut zum Färben. Es braucht Mut für das Gegenteil: Koizumi trägt stolz und naturbelassen Grau.

 
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.06.2002, Nr. 128 / Seite 9

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