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Japan Presse |
27.06.2002 |
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Auch häßliche
Männer können schön Fußball spielen Korea trauert, doch Japan zeigt nicht mehr Mitgefühl als notwendig TOKIO. Die Schmach der Koreaner ist schnell vergessen. Nur die Schlagzeilen vom Vorabend erinnern daran: "Koreas Traum zerstört" - "Der Höhenflug beendet". Fast scheint es, als ob niemand ernsthaft mit einem anderen Ausgang gerechnet hatte. Manche bemühen sogar die Geschichte, um die Omen nachträglich zu deuten: Am 25. Juni vor 52 Jahren begann der Koreakrieg, an dessen Folgen die geteilte Halbinsel bis heute leidet. Am 25. Juni 2002 wird Südkorea besiegt. In Kobe spricht Kim Hyo, der Präsident der Vereinigung der Südkoreaner in Japan, seinen niedergeschlagenen Landsleuten Mut zu: "Heute ist ein historisch trauriger Tag. Doch die Geschichte wird sich von heute an ändern." Die japanischen Sportjournalisten aber schreiben längst an einer neuen Geschichte - und diese handelt nicht vom geteilten Korea, sondern vom vereinigten Deutschland. "Kahn!" schreit es quer über die Frontseite der "Nikkan Sports": "Der 33 Jahre alte Gorilla führt Deutschland ins Finale." Ausrufezeichen über Ausrufezeichen auch in "Sports Nippon": "Deutschland!! Hat Korea vernichtet!" Der Sportkommentator Kiyozumi Ninomiya weiß auch, warum dies so ist: "Deutschland ist eben Deutschland". Erwachsen und auf den Ball konzentriert, habe die Mannschaft ihr Bestes gegeben, die Fehler Portugals, Italiens und Spaniens nicht wiederholt. Der brasilianische Gasttrainer Zico kommt in "Nikkan Sports" zu Wort: Es sei nur natürlich, daß die Deutschen den Sieg davontragen. Im Fernsehen brüsten sich Experten, die vor vier Wochen noch kaum ein Abseits erkennen konnten, ihrer hellseherischen Fähigkeiten: Hatten sie nicht schon nach dem 8:0 gegen Saudi-Arabien die deutsche Überlegenheit klar erkannt, den Favoriten richtig benannt? Damals mußten sie sich in ihren Sendungen von Deutschland-Kennern in die Grenzen weisen lassen, die mit Sorgenfalten von einer unerfahrenen Mannschaft sprachen, von Verletzten, die daheim geblieben seien. Am Ende, loben sich die Fuß ball-Neulinge, zählt eben doch der Instinkt. Klose finden sie süß Für Korea zeigt man gerade eben so viel Mitgefühl, wie es sich für einen Mitgastgeber geziemt. Die Tiger haben es überraschend weit gebracht, tapfer gekämpft und tapfer verloren, das muß man öffentlich anerkennen. Doch im Nationalstadion von Tokio, wo mehr als 50 000 Menschen vor der Leinwand saßen, wenn Japans Mannschaft spielte, versammelten sich gerade noch 6000 Schaulustige für die Begegnung der deutschen Auswahl mit Korea. Die T-Shirt-Verkäufer hatten nach dem Ausscheiden Japans zwar verstärkt rote Trikots im Angebot, doch die waren wenig gefragt: Japan ging nicht von Blau auf Rot über. Es sei denn, man zählt die Koreaner, die in dritter Generation in Japan leben. Die prominenteste Aufmerksamkeit in den Sportmagazinen erfahren jetzt die Deutschen Kahn und Ballack. Als Niosama wird der germanische Torhüter beschrieben, ein Himmelskönig, der sich dem Bösen breitbeinig in den Weg stellt, die Dämonen vom Tempel vertreibt. So einer imponiert den männlichen Angestellten. Doch in der weiblichen Fanwelt hat nicht er, sondern Miroslav Klose rosige Karten. Bei allem Lob für die athletischen Leistungen der deutschen Elf in Japan ist nicht zu übersehen, daß die Liebe anderen gilt: Deutscher Fußball ist deutscher Fußball - und deutsche Männer bleiben deutsche Männer. Das Schönheitsideal japanischer Fußball-Frauen nährt sich an Beckham und Totti, für sie nächtigt man notfalls auch in einer Baumkrone. Sie sind cool, begehrenswert, Popstars des Sports, die Mädchenherzen hüpfen lassen. Und die Deutschen? Die sind, was sie immer sind: effizient, diszipliniert, voller Kampfgeist - aber nicht unbedingt verführerisch. Eine Ausnahme machen die Girlie-Magazine höchstens für den Mann mit dem unaussprechlichen Vornamen: Den blonden Klose mit den feinen Gesichtszügen, den beneidenswert langen Beinen und Armen. Sein Lächeln, wenn er denn lächelt, finden sie süß. Das Fußballfieber in Japan hat sich inzwischen ein wenig gemäßigt, den Außentemperaturen angepaßt. Aber verflogen ist es noch nicht, es sucht sich nur neue Kanäle. Sportartikelhersteller, Friseure und Hoteliers sind schon dabei, die Haarmoden, Uniformen oder Betten der beliebtesten Stars f ür sich zu vergolden. Im Hotel der italienischen Mannschaft, in Beppu auf der südlichen Insel Kyushu, sind die verlassenen Quartiere der Nationalspieler für die nächsten vier Wochen ausgebucht: Das Einzelzimmer von Fanliebling Totti ist für 10 000 Yen, das Doppelzimmer von Trainer Trapattoni für das Doppelte zu haben. Im Restaurant wird jetzt ein Fuß ballmenü serviert, gekocht nach Original-Rezepten des italienischen Teamkochs. Statue für Beckham Im Westin-Hotel auf der Insel Awajishima, der Trainings-Wahlheimat der Engländer, gibt es jetzt ein "England Fan Set", bestehend aus einer Nacht in einem Spieler-Schlafzimmer für umgerechnet 180 Euro. Im Gedenken an David Beckham will die Gemeinde eine Bronzestatue auf dem Trainingsplatz errichten, der künftig den Namen "England" trägt. Das große Los aber hat ein geschäftstüchtiger Familienvater gezogen: Er versteigerte ein verschwitztes T-Shirt, das Beckham nach einem Training seinem Sohn zugeworfen hatte, für eine Million Yen (8500 Euro) bei einer Internetauktion. Nicht gar so viel müssen die Fans für fabrikneue WM-Oberteile hinblättern, die in diesem Sommer den Modetrend setzen. Mancher Außenseiter ist über Nacht zum Sammelobjekt geworden. Am Morgen nach dem letzten Korea-Spiel sind deutsche Trikots nirgends mehr aufzutreiben. ANNE SCHNEPPEN Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.06.2002, Nr. 146 / Seite 43 |
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