Japan Presse
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01.04.2003

Neue Zürcher Zeitung
01. April 2003

   Schauplatz Japan

   Verfallsdatum für Ehemänner

   Die Geschlechter leben sich mehr und mehr auseinander

   Zu den zahlreichen sozialen Phänomenen in Japan, die sich dem westlichen Hang nach eindeutiger Kategorisierung entziehen, gehört die Stellung der Frau. Auf der einen Seite lassen sich noch immer kräftige Spuren der patriarchalischen Gesellschaft der Samurai ausmachen, sichtbar etwa an der minimalen Präsenz der Frauen in den Chefetagen von Politik und Wirtschaft. Anderseits besitzen japanische Frauen im Alltag häufig eine grössere Bewegungsfreiheit als ihre westlichen Geschlechtsgenossinnen.

   Vor kurzem entnahm man einer kleinen Zeitungsnotiz die Nachricht, dass gemäss einer Umfrage bei wachsender Dauer einer Heirat der Ehemann im Leben seiner Frau eine immer geringere Rolle spielt. 52 Prozent der japanischen Hausfrauen, die weniger als zehn Jahre verheiratet sind, betrachten ihren Gemahl als wichtigsten Lebensinhalt. Zehn Jahre weiter in der Heirat geht dieser Anteil auf 32 Prozent und nochmals zehn Jahre später gar auf 30 Prozent zurück. Wo sich Kinder einstellen, rücken diese zum wichtigsten Lebensinhalt auf, später im Eheleben rangieren die Ehemänner in der Beliebtheit deutlich hinter Auswärtsessen und Freundinnen. Schliesslich weisen Statistiken die Zeit, da der Ehemann in Pension geht, als besonders scheidungsträchtig aus. In Klatschspalten bezeichnen Frauen ihren aus dem Arbeitsalltag entlassenen Ehemann als «gomi» (Mist). Mit diesem Verfallsdatum für Ehemänner kontrastiert der Spruch jenes Gerichts, das eine Klage des Mannes auf Scheidung guthiess, weil seine Angetraute ihm nach Mitternacht kein warmes Nachtessen mehr zubereiten wollte.

Getrennte Leben

   Dem auswärtigen Beobachter fällt auf, wie markant bei den unterschiedlichsten Altersstufen die Geschlechtertrennung im japanischen Alltag ist. Am Freitagabend, wenn in Tokios Vergnügungsvierteln Shibuya, Shinjuku und Omote-sando Hochbetrieb herrscht, treffen sich junge Frauen zum gemeinsamen Ausgang. In den trendigen französischen und italienischen Restaurants sind junge Frauen in der deutlichen Überzahl. Zu zweit, zu dritt oder in grösseren Gruppen geniessen sie westliche Küche und westlichen Stil, welche ihren männlichen Altersgenossen offensichtlich erheblich weniger zusagen als die Sushi-Bar oder ein Yakitori mit Bier. An Wochentagen füllen sich die innerstädtischen U-Bahn-Züge am Nachmittag mit Gruppen von Frauen im mittleren Alter, die sich offensichtlich auf einem gemeinsamen Ausflug befinden. Besonders beliebt sind Präsentationen in Warenhäusern, Gemäldegalerien und Museen. Diese müssten ebenso wie die Theater die Tore schliessen, gäbe es nicht diese kulturbeflissenen Damenkränzchen. Schauspieler in Kabuki und Noh und natürlich die Girls der Takarazuka-Shows, wo im Publikum die männliche Präsenz unter der Promillegrenze zu liegen pflegt, mobilisieren zahllose Fanklubs.

   Die geschlechtliche Trennung in der Freizeitgestaltung ist wie das Phänomen der «parasitic singles», Frauen in den dreissiger Jahren, die noch bei den Eltern wohnen und nicht daran denken, eine eigene Familie zu gründen, eine Konsequenz der Arbeitskultur, die Japan trotz Rohstoffarmut, marginaler Lage und schwierigem Klima zum zweitreichsten Staat der Erde hat werden lassen. Die Kehrseite der sprichwörtlichen Arbeitswut der Japaner ist, dass traditionell bei Männern das ganze aktive Leben auf den Job fokussiert ist. Es manifestiert sich dies in überlangen Arbeitszeiten, wobei durchaus nicht jeder Tag bis spät in die Nacht im Büro verbracht wird, sondern sich die Arbeitskollegen vor der Heimkehr noch in einer Bar, einem Imbisslokal, beim Pachinko oder beim Karaoke die Zeit vertreiben. Häufig wird auch an Wochenenden gearbeitet oder, so man zum Kader gehört, im obligaten Firmenkreis der Golfplatz besucht. Zudem ist es üblich, selbst die knapp bemessenen Ferien nie voll zu beanspruchen und Freitage ohne Vergütung der Firma zu «schenken». Als Folge davon beschränken sich die sozialen Kontakte des Mannes auf seine Arbeitswelt, was bedingt, dass er nach der Pensionierung häufig ausserhalb des Hauses keine Kontakte mehr hat und seiner Frau, die über lange Jahre hinweg ihre diversen Damenkränzchen gehegt hat, auf die Nerven geht.

   Gesellschaftliche Verhaltensregeln und eine auch in Grossstädten bemerkenswerte öffentliche Sicherheit sorgen dafür, dass japanische Frauen eine ungewöhnlich grosse Bewegungsfreiheit für gewährleistet nehmen können. Niemand überlegt es sich zweimal, auch spätabends allein in Tokio auszugehen oder ohne Begleitung eine Sushi-Bar zu besuchen. In den letzten Jahren haben zudem immer mehr junge berufstätige Frauen die Vorzüge des Junggesellinnenlebens entdeckt. Die Ehe als Zweckverband mit klar definierter Rollenverteilung mag noch immer die Norm sein, doch wird sie auch durch weitreichende Strukturänderungen in der Wirtschaft wie beispielsweise die schwindende Bedeutung der Lebensstelle in Frage gestellt. Die durch globale Entwicklungen vorangetriebene Modernisierung der japanischen Wirtschaft hat soziale Verwerfungen zur Folge, die von noch grösserer Tragweite sein können als in westlichen Industriestaaten.

   Als Japan nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs den Weg an die Spitze der Weltwirtschaft in Angriff nahm, knüpfte es in der Aufgabenteilung zwischen den Geschlechtern bei den Traditionen der Samurai an. Während der Mann draussen an der Front kämpft, obliegt es der Frau, dafür zu sorgen, dass das Heimwesen ordentlich geführt wird. Getreulich händigt der «salary man» jedes Monatsende seiner Frau den Lohn aus. Diese kontrolliert das Haushaltsbudget und gibt dem Mann ein Sackgeld. Ein Indiz für die wirtschaftlich schwierigeren Zeiten ist, dass in den letzten Jahren die Zahl der fliegenden Händler, die vor Bürokomplexen preisgünstige Snacks anbieten, rasch gewachsen ist. Auch berichten Zeitungen von Umsatzeinbrüchen bei Karaoke-Bars und Imbissstuben. Offensichtlich hat es beim Taschengeld manches «salary man» kräftige Abstriche gegeben.

Zerstörte Familien

   Der Zwang zum Volleinsatz unter dem Banner der Firma hat drastische Folgen für das Familienleben. Kinder bekommen ihre Väter kaum zu sehen. Lehrer und Schulbehörden berichten, dass bei ihren Schülern in der Regel Mütter und Grosseltern die Ansprechpartner sind. Zudem beklagen sie den Trend, der Schule immer mehr Erziehungsaufgaben aufzubürden, die eigentlich vom Elternhaus wahrgenommen werden sollten. Das vollständige Aufgehen im Berufsleben beraubt japanische Paare praktisch vom Beginn ihrer Ehe an der Gelegenheit, gemeinsam Emotionen und Erfahrungen zu sammeln, von denen sie zehren können, wenn der Lebensabend kommt. In Umfragen und Leserinnenkolumnen von Frauenzeitschriften häufen sich deshalb die Klagen von Ehefrauen, dass sie mit ihrem Mann seit Jahren kein vernünftiges Gespräch mehr haben führen können.

   Frustration, Verachtung, ja Hass machen sich breit, und es wächst die Bereitschaft zur Scheidung, die in der Anonymität der Grossstädte ohnehin das soziale Stigma eingebüsst hat. Zum Bild des durch soziale Zwänge und ökonomische Bedürfnisse bewirkten ehelichen Auseinanderlebens gehört auch eine florierende Sexindustrie, die sich längst über professionelle Etablissements hinaus in den «informellen Sektor» ausgebreitet hat. In den Zeiten der Samurai war es üblich, Nebenfrauen und Kurtisanen zu halten. Aus den eleganten, kostspieligen Geishas sind heute wohlfeil erhältliche Schulmädchen geworden. Zur funktionalen Attitüde gegenüber Sex gehört auch, dass manche Teenager, die sich teure Kosmetika oder Kleider leisten wollen, sich das nötige Kleingeld durch ein paar bezahlte Schäferstündchen beschaffen.

   Das traurige Schlusskapitel im Leben von japanischen Ehemännern, die das Verfallsdatum erreicht haben, lässt sich den Todesstatistiken entnehmen. Arbeitslosigkeit ist eine Schande und wird häufig zu Hause wie gegenüber den Nachbarn um fast jeden Preis verheimlicht. Erst vertreiben sich die entlassenen «salary men» die Zeit auf Parkbänken, in Bars oder im Pachinko-Spielsalon, um die Fiktion aufrechtzuerhalten, dass sie nach wie vor einer geregelten Arbeit nachgehen. Später, wenn die Bürde der Schulden und des Gesichtsverlusts unerträglich wird, kann es gar zum Suizid kommen. Nicht von ungefähr weist heute Japan eine der höchsten Selbstmordraten der Welt auf.

Urs Schoettli

 

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