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06.04.2003

Sonntag, 06. April  2003     Berlin, 07:15 Uhr

DIE WELT

Blütenzauber in Tokio

Stopover in Tokio: Was fängt man an mit 48 Stunden in Japans Hauptstadt? Man lässt sich treiben - in Karaoke-Bars, durch Kaufhäuser, unter Kirschblüten. Langeweile ausgeschlossen!

von Arnd Zschiesche

Blühende Sakura in einem japanischen Garten  
Blühende Sakura in einem japanischen Garten
Foto: ddp
 

Unendlich erscheint das Labyrinth aus Stein und Glas, überall grell-bunte Leuchtreklamen fremde Schriftzeichen, quirlige Menschenmassen, hupende Autos - Tokio ist nichts für Angsthasen und Ruhe Suchende. Die Reizüberflutung ist total, doch gerade darin liegt der Charme dieser Mega-Metropole. Also: Lassen Sie sich erstens drauf ein und zweitens treiben. Sie werden jeden Tag und an jeder Ecke Neues und Spannendes entdecken. Einsteiger sollten mit einer niedrigen Dosis beginnen. Wir empfehlen ein Zwei-Tages-Programm, wobei Sie sich einen U-Bahn-Plan mit englischer Übersetzung der Stationsnamen besorgen sollten: Das erhöht die Chancen, in dem Zwölf-Millionen-Moloch nicht verloren zu gehen.

Erster Vormittag - Eintauchen

Nach ein, zwei Stunden Erholungsschlaf im Hotel ist das pulsierende Shopping-Viertel Shibuya der ideale Einstieg in Japans Schaltzentrale. Was für ein Tempo, was für ein Lärm! Von allen Seiten blinkende Neontafeln und elektronische Bilder, die dem hastenden Heer von Passanten einen bunten Rahmen verleihen. Unzählige Kaufhäuser, Cafés und Spielhallen reihen sich nahtlos aneinander. Alles ist in ständiger Bewegung. Dazu dröhnen von mehreren Seiten nicht näher definierbare Melodien und Wortfetzen an Ihr Ohr. Willkommen in Tokio!

Als kulinarischer Einstieg empfiehlt sich eine traditionelle Ramen-Nudelsuppe in einer der unzähligen Suppenküchen. Wenn Sie kein Japanisch sprechen oder lesen können: kein Problem - Plastikmodelle der angebotenen Gerichte im Schaufenster ermöglichen eine Vorauswahl per Fingerzeig.

Nachmittags - Kirschblütenzauber

Regelmäßig im April sind Tokios Parks ein Hort kollektiven Massenfrohsinns, dank der Sakura, der Kirschblüte. Sobald die weiß und rosa leuchtenden Blüten sprießen, stürmen die Hauptstädter zu Tausenden ihre Grünanlagen, um sich zum Picknick unterm Kirschbaum zu versammeln. Die Reisweinflaschen kreisen, auf dem Holzkohlegrill brutzeln Truthahnspieße und Tintenfischtentakel, aus mitgebrachten Kassettenrekordern plärrt Musik. Tokio, wie es trinkt, singt und lacht - ein einmaliges Erlebnis.

Eine besondere Oase im Häusermeer ist der Yoyogi-Park. Umringt von Wolkenkratzern, birgt der Park in seiner Mitte den beeindruckenden Meiji-Schrein aus Zypressenholz. Nehmen Sie Platz auf einer Bank und beobachten Sie das tägliche Ritual der Tokioter, die vor dem Tempel hingebungsvoll für ein Foto posieren. An Sonntagen ist die Brücke zum Yoyogi-Park eine Spielwiese für Japans modische Trendsetter, die hier ihre schrillen Outfits und blondierten Haare präsentieren.

Östlich des Parks lohnen die „Champs-Élysées von Tokio" einen Abstecher: Die elegante Prachtstraße Omotesando und die etwas ruhigeren Seitengassen sind ein beliebtes Jagdrevier der labelsüchtigen Hauptstädter, die hier ihrer Lieblingsfreizeitbeschäftigung nachgehen, dem exzessiven Mode-Shopping. Von Dior über Prada bis zu Yamamoto fehlt kein Designertempel!

Nachts - Abtauchen

Die Auswahl an Essgelegenheiten ist erdrückend. Wenn Sie sich nicht auf eigene Faust etwas suchen wollen, fragen Sie sich durch zum „Tama," einem kleinen, neuen Restaurant oberhalb der Kreuzung Omotesando/Aoyama Dori, in einer Seitengasse versteckt. Es bietet kreative japanische Küche in minimalistischem Ambiente mit englischer Übersetzung auf der Speisekarte (Tel. 0081/3/34068088). Wer anschließend die Nacht zum Tag machen möchte, ist in Shinjuku bestens aufgehoben: Drängen Sie sich mit den enthemmten Massen durch das neonglänzende Kabukicho, Tokios schrillstes Vergnügungsviertel direkt neben dem Bahnhof von Shinjuku. Von Karaoke-Bars über No-Pants-Cafés, in denen die Kellnerinnen keine Höschen tragen, bis zu Chill-out-Lounges ist hier die gesamte Palette nächtlicher Verführungen vertreten. Der „Liquid Room" im siebten Stock des Humax-Pavillions ist momentan einer der trendigsten Clubs mit guter Live-Musik.

Morgens - Meer und Mehr

Der Wecker klingelt früh, denn spätestens um sechs Uhr geht es zum spannendsten Spektakel, das Tokio zu bieten hat: zum weltgrößten Fischmarkt Tsukiji. Morgen für Morgen werden hier zig Tonnen von hunderten Sorten Meeresgetier umgesetzt, schließlich wollen Millionen fischversessener Tokioter tagtäglich versorgt werden. Die archaische Stimmung in den riesigen Hallen, die Hektik, die Gerüche, das Getier - alles fügt sich zusammen zu einem so intensiven wie unvergesslichen Asien-Erlebnis. Im Stadtviertel rund um den Fischmarkt wird das frischeste Sushi weltweit angeboten. Auch wenn diese Art Frühstück für den europäischen Gaumen etwas gewöhnungsbedürftig ist: unbedingt probieren!

Vormittags - Buddha und Soba

Erdbeben, Bomben und Bauwut haben der Stadt viel vom alten Flair genommen. In Asakusa im Norden der Kapitale können Sie noch ein Stück „verlorenes" Tokio entdecken: Winzige Läden, Restaurants und in die Jahre gekommene Kleinbühnen lassen erahnen, wie die Stadt früher einmal ausgesehen haben muss. Den Mittelpunkt dieses Quartiers bildet der prachtvolle buddhistische Senso-Ji-Tempel mit einer fünfstöckigen Pagode an der Seite. Eine Allee von Souvenirgeschäften weist den Weg dorthin. Aus einem großen Kessel vor dem Schrein steigt Qualm auf, dem eine gesundheitsfördernde Wirkung nachgesagt wird - Grund genug für viele Japaner, sich den beißenden Rauch begeistert in Gesicht oder Kleidung zu wedeln.

Zur Mittagspause steht Soba auf dem Programm: Die berühmte japanische Nudelspezialität aus Buchweizen wird mit Stäbchen in Sojasauce getunkt. Bei „Owariya" am Bahnhof von Asakusa wird dieser Klassiker seit über einem Jahrhundert in allen Variationen serviert.

Nachmittags - Ginza und Kaiser

Sobald Ihnen ununterbrochen ein beflissenes „Iraschai mazu" entgegenschallt, was so viel wie „zu Diensten" heißt, sind Sie richtig im Kaufhaus Mitsukoshi. Tiefer als hier, in Tokios traditionsreichstem Konsumtempel, verbeugt sich das Personal nirgends an der Ginza, der berühmtesten Einkaufsmeile der Hauptstadt. Die Warenvielfalt ist überwältigend, die Preise sind es allerdings auch.

Nur einige Gehminuten entfernt liegt der kaiserliche Palast im Herzen der Stadt. Für viele Besucher ist er eine Enttäuschung, denn er ist kein Museum, sondern rund um die Uhr bewohnt und folglich nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Die muss sich mit dem Blick auf die dicken Mauern und den breiten Wassergraben ringsum bescheiden. Nur an des Kaisers Geburtstag und zur Begrüßung des neuen Jahres am 2. Januar öffnen sich die Tore des Palastes für das Volk, allerdings lediglich einen Spalt breit: In einem streng abgesperrten Areal dürfen die Untertanen dann an den Kaiserlichen Hoheiten vorbeidefilieren und sie mit Hurrarufen hochleben lassen.

Wenn Sie nicht so lange warten wollen, erklimmen Sie die obere Etage des nahe gelegenen Kasumigaseki-Gebäudes, des ersten Wolkenkratzers von Tokio: Von dort können Sie einen Blick über die Palastmauern hinweg erhaschen. Aber vergessen Sie Ihr Fernglas nicht - sonst entgeht Ihnen womöglich irgendwo unter einem Baum im Palastgarten das Kaiserpaar beim Kirschblüten-Picknick.

 

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